Es war einmal - Auf den Spuren von Sulamith Wülfing

Auf den Spuren von Sulamith Wülfing

Gastbeitrag von Yvette Endrijautzki, Fotos von Jana Turek, Mai 2021

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Auf der Suche nach einem Veranstaltungsort für die kommende Ausstellung 'Sulamith Wülfing, die vergessene Tochter der Stadt' (Event Link: https://fb.me/e/3IPmv723X), erhielt ich einen Anruf von Herrn Markert, mit Spitznamen Knibbel, aus Cronenberg in Wuppertal, wo Sulamith Wülfing einmal gelebt hatte. Er antwortete auf einen Zeitungsartikel in der Westdeutschen Zeitung, in dem die Kunstausstellung angekündigt wurde. Gestern trafen sich Herr Knibbel, meine Freundin und Fotografin Jana Turek und ich uns in seinem Cronenberger Haus, wo Herr Knibbel ein paar Geschichten über Sulamith mit uns teilen wollte. Er kannte die Familie Wülfing seit seiner Kindheit und besuchte sie früher des öfteren. Er betonte, dass sein Vater am 11. Januar, genau an dem selben Tag wie Sulamith Wülfing Geburtstag hatte (11.1.1901).

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Er präsentierte uns einige interessante Gegenstände, die ihm, nach dem Tode von Sulamith Wülfing von Otto, ihrem Sohn, überreicht wurden. Darunter befanden sich ein paar antike Keramiken und eine uralte Schnapsflasche, aus dem Jahre 1820, die einst der Sulamith gehörte und wohl auch benutzte.

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Aber auch viele ihrer Kunstkarten, einige Archivdrucke und einen antiken Kalender mit Wülfing's Werken fanden bei Knibbel ein neues zuhause. Dann, und zu unserer Überraschung, lud er uns in sein kleines privates Heimat-Museum ein, das sich im Keller, aber auch in einem Schuppen seines Gartens befand.

Da Herr Knibbel früher Werkzeugmacher war, aber auch heute noch an kleineren Werkzeugen tüftelt, rief er sich sein eigens kreiertes, faszinierendes kleines Werkzeugmuseum ins Leben.

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Dann nahm Herr Knibbel in einen der Kellerräume, neben dem Modeleisenbahn Raum wie aus einem Bilderbuch, den er Miniatur Wunderland taufte, ein in Schutzglas gerahmtes Werk von der Wand. Es war ein Gedicht von Rainer Maria Wilke

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und war von Sulamith Wülfing in ihrer eigenen Handschrift niedergeschrieben.

Seine Augen funkelten, als er es ansah und sagte: "Es war ein Geschenk von Sulamith an mich!

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Mit all diesen funkelnden Schätzen, Rohgestein und urigen Werkzeugen konnte ich es mir nicht verkneifen, Jana mitzuteilen, dass mich Knibbel an einen der magischen Zwerge von Schneewittchen erinnerte und ich mir so langsam aber sicher vorkam, als hätte man mich von jetzt auf gleich in eine zauberhafte Märchenwelt katapultiert.

Knibbel teilte noch viele weitere Erinnerungen an seine wundervollen Begegnungen mit Sulamith und ihrem Sohn Otto, aber auch an ihren gleichnamigen Ehemann und Künstler Otto (Schulze).

Tatsächlich war Herr Knibbel von Sulamith Wülfing so angetan, dass er ihr vor vielen Jahren ein Gedicht widmete. Es wurde in einer lokalen Zeitung veröffentlicht und er händigte uns eine Kopie aus. Das Gedicht war nicht leicht zu verstehen, da es im Cronenberger-Dialekt geschrieben war. Herr Knibbel ist als einer der wenigen Hüter des Dialekts stadtweit bekannt, und bis heute schmücken seine Widmungen die Empfangsräume und Büros vieler örtlicher Museen, des Rathauses, mehrerer Schulen und einiger privaten Unternehmen wie Knipex und Jackstätt in Wuppertal.

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Dann machten wir uns auf den Weg zu Sulamith Wülfing's Haus, das viele Jahre leer stand, erst neulich verkauft wurde und nur ein paar Minuten von Knibbel's Haus enfernt war. Wir hatten keine großen Erwartungen auf etwas Außergewöhnliches, außer auf ein ein paar gewöhnliche Fotos von dem Hauseingang und dem Grundstück. Aber das Gegenteil lag noch vor uns...

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Als wir am Haus ankamen, hörten wir lautes Hämmern und Krachen. Wir gingen durch das Eingangstor, betraten das recht unscheinbare Grundstück und schauten durch eins der offenen Fenster. Dort trafen wir den Besitzer an und fragten um Erlaubnis, das Gebäude zubetreten, um ein paar Photos für eine kleine Dokumentation zu schiessen.

Der Besitzer, von Kopf bis Fuß mit Staub bedeckt, begegnete uns mit Freundlichkeit und Neugier und öffnete uns ganz natürlich die Tür. Wir fragten ihn, ob er etwas über die Geschichte des Hauses wisse. Interessanterweise erwähnte er, dass er bereits einige Nachforschungen angestellt hatte und zu seiner Überraschung erfuhr, dass die weltbekannte Vorbesitzerin am selben Tag Geburtstag hatte wie er: am 11. Januar. Herr Knibbel war verblüfft! Beim Eintritt führte uns Knibbel durch die wüste Baustelle und malte mit dem Finger in der Luft aus, wo einst Sulamiths Atelier stand, wo ihre Couch den Raum füllte, wo sie einst saßen und Kaffee tranken und wo sich Sulamith's traumhaftes Himmelbett befand.

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Dann baten wir Knibbel, sein Gedicht hier, inmitten den Trümmern, an genau der Stelle zu rezitieren, an der Sulamith ihrer Kreativität einst freien Lauf liess. Mit Tränen in den Augen, liessen wir uns von seinen Worte im Cronenberger Dialekt davontreiben, und für einen kleinen Moment befähigten Knibbels Erinnerungen, die Seele des Hauses zum Leben zu erwecken. Trotz des Abrisses und der angehenden Transformation in ein modernes Familienhaus, schallte Sulamith's magische Reich der Engel und Gnome noch immer durch den offenen weiten Raum.

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Der Besitzer erwähnte dann: "Schaut mal, was ich in dem ganzen Schutt gefunden habe!" Wir trauten unseren Augen nicht, als er mit einem alten aber noch gut erhaltenem Archivdruck von Sulamith Wülfing in seiner Hand vor unseren Augen wedelte.

Unsere Haare standen zu Berge als wir den Titel auf der Rückseite lasen:

Schneewittchen und die sieben Zwerge!

 

Die Autorin

Yvette Endrijautzki ist seit vielen Jahren international als Kuratorin tätig und Gründerin der Galerie "Nautilus Studio", die bis 2015 in Seattle agierte, inzwischen seinen Sitz aber zurück in Yvettes Geburtsstadt Wuppertal verlegt hat. In ihren Ausstellungen vernetzt sie vor allem Künstler und Kunstliebhaber der Visionary Art, Phantastik und des Surrealismus.
Sie ist außerdem selbst als Künstlerin tätig und upcycled diverse Kleinodien zu virtuosen Dioramen.


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